Ausatmung

Wir beginnen damit, uns im tiefen Ausatmen zu üben. Damit können wir uns schon bei guter Gesundheit erhalten. Tief ausatmen heißt ausatmen bis aufs Äußerste, bis die Natur die Einatmung erzwingt. Wir atmen solange aus, bis es uns vorkommt, als vergingen wir in Nichts, und bis die Lungen von selbst nach Luft ringen. Wir müssen also mit dem Ausatmen einen Punkt der Erschöpfung oder Ausschöpfung oder völligen Entleerung erreichen.

Es hat deshalb seine Bedeutung und Berechtigung, dass die Gläubigen seit Menschengedenken dazu angeleitet und angehalten worden sind, Gebete mehrmals hintereinander je auf eine Ausatmung auszusprechen mit dem Ziel, Furcht, Kummer, Sünde und Krankheit loszuwerden. Der Zweck wird im Wesentlichen auch erreicht.

Wer viel betet, hat selten Beschwerden. Er mag nicht immer religiöser werden, aber mindestens wird er gesünder, weniger durch die Worte des Gebetes, als vielmehr durch das Entleeren der Lunge. Sie entledigt sich dabei der Kohlensäure, die sonst alle möglichen Verbindungen eingeht, die Druck auf den Organismus ausüben und Spannungs- und Vergiftungszustände hervorrufen.

Da sich die Kohlensäure im Körper immer wieder neu bildet, müssen wir auf regelmäßige Entleerungen bedacht sein. Deshalb machen wir es uns zur Regel, tagsüber alle 3 Stunden für 3 Minuten das tiefe Ausatmen zu üben. Dann fangen wir von selbst an, der Atmung größere Aufmerksamkeit zu schenken, und sobald wir festgestellt haben, dass sich unser Gesundheitszustand in dieser und jener Beziehung verbessert hat, sind wir überzeugt, dass wir durch bewusste Atempflege auch noch mehr erreichen können als nur bessere Gesundheit.

Das erste und einfachste, was wir üben und lernen müssen, ist also das Ausatmen. Das ist keine neue Entdeckung, sondern eine uralte Erkenntnis. Schon Jesus verwies seine Jünger auf das Ausatmen. Sie hatten sich vorher Johannes dem Täufer angeschlossen gehabt, der sie gelehrt hatte, gewisse Sprüche oder Gebete ausatmend zu sprechen. Deshalb fragten sie den Heiland: „Willst du uns nicht auch ein Gebet lehren?“ Und er lehrte sie ein Gebet, das sie „ohne Unterlass“, d. h. auf eine Ausatmung beten oder sprechen sollten. Also können wir vom „Vaterunser“ nur eine gute Wirkung erwarten, wenn wir es auf eine einzige Ausatmung aussprechen; denn dann erst entleeren sich die Lungen vollständig.

Erst wenn die Lungen vollständig entleert worden sind, ist ein voller Einatmungszug möglich. Verhelfen uns die Gebete dazu, dann ist kein Grund zu erkennen, warum wir nicht beten sollten. Gerade die Leute, die sagen, über das Beten seien sie längst hinaus, bitten und betteln am meisten, dass ihnen noch dieses und jenes auf Erden zuteil werde.

Also wollen wir das Vaterunser „ohne Unterlass“ beten, wie es Jesus empfohlen hat. Erst sprechen wir das Vaterunser einmal auf eine Ausatmung, später zweimal und schließlich sogar dreimal hintereinander auf eine Ausatmung.

Beim Ausatmen bleibt die Brust gehoben und soll sich nicht bewegen, sondern es ist zu beachten, dass sich die Lungen innerhalb der Brust frei bewegen, ausdehnen und zusammenziehen können. Wir brauchen das Gebet nicht laut zu sprechen; es genügt sogar, dass wir es in Gedanken sprechen, wenn wir uns nur beim Ausatmen der Länge und des Rhythmus bewußt bleiben.

Unser Vater, der du bist im Frieden,
dein Namen erschalle! Dein Reich komme!
Dein Willen geschehe auf Erden wie im Himmel! -
Spende uns heute dein Wort und gedenke nicht unserer Fehler,
wie auch wir woll’n vergeben unseren Beleidigern!
Führe uns durch die Versuchung und befreie uns vom Irrtum!
Sei dem so!

Will uns der Atem ausgehen, ehe wir das Gebet beendet haben, dann schließen wir die Lippen für einen Augenblick. Dadurch sind wir in der Lage, weiter zu beten oder auszuatmen, ohne neu eingeatmet zu haben.

Am Anfang können wir ein Gebet nur bis zur Hälfte sprechen und zwischendurch einatmen, je öfter man aber ein Gebet während einer einzigen Ausatmung wiederholen kann, umso größer ist der Nutzen.

Wenn wir uns an den Worten stoßen, so wählen wir uns einfach einen anderen Spruch.

Alles ist im Keim enthalten,
alles Wachstum ein Entfalten,
leises Auseinanderrücken,
dass sich einzeln könne schmücken,
was zusammen war geschoben. —

Wie am Stengel stets nach oben
Blüt’ um Blüte rücket weiter,
sieh’ es an und lern’ es heiter:
zu entwickeln, zu entfalten,
was im Herzen ist enthalten. —

von Friedrich Rückert

Zur Abwechslung im Rhythmus können wir uns auch folgenden Spruch1 wählen:

Öffne, o du welterhaltende Sonne, das Tor zur Wahrheit,
die durch den Glanz des blendenden Lichtes verschleiert ist!
Mildere die Ausstrahlung deiner leuchtenden Pracht,
damit ich dein wahres Wesen sehe! –
Von der Unentschlossenheit führe mich zum Entschlusse
und entschleiere die magischen Täuschungen
der Erscheinungen dieser Welt,
damit ich den Pfad der Verwirklichung sehe! – Amen

Übe solches Ausatmen oder Beten entspannt und auf den Sinn der Worte konzentriert täglich für einige Minuten und setze es fünf Wochen lang fort! Dann wirst du nicht mehr sagen, dass du schon alles weißt und dass es für dich nichts Neues mehr zu entdecken gibt. Denn deine Unfähigkeit, Neues zu entdecken und zu begreifen, fängt an zu schwinden.

Wir mögen viele Dinge wissen, können aber sehr weit davon entfernt sein, sie zu begreifen und Nutzen aus ihnen zu ziehen. Wir mögen viele und sogar überdurchschnittliche Erfahrungen im täglichen Leben gesammelt haben, können aber doch unfähig sein, uns ein richtiges Urteil darüber zu bilden. Nur zu oft fällen wir ein falsches Urteil infolge unseres Vorurteils, Eigensinnes, Stolzes oder Trotzes, womit wir uns den Eingebungen unserer Individualität im Herzen entgegenstellen, weil wir fürchten, der Außenwelt gegenüber als Sonderling zu erscheinen. Wir könnten also sehr wohl verständiger und weiser sein, wenn wir uns nicht durch falschen Stolz den besseren Weg zur inneren Überzeugung abschneiden würden.

Dadurch begrenzen wir die Tätigkeit unseres Gesinns in der Zirbel zu Gunsten der nur äußerlichen Eindrücke und unterbrechen die Verbindung zwischen der abstrakten Seite des Gesinns und dem Herzen. So geraten wir vom schmalen Weg der Ursprünglichkeit und Originalität auf die breite und bequeme Bahn des Scheines und der Äußerlichkeiten, verlaufen uns in zahllose Nebenwege und ernten Illusionen und Sinnestäuschungen. Es ist aber besser, über diese oder jene Einzelheit der Außenwelt unwissend zu erscheinen und dafür den Eingebungen und Weisungen der abstrakten Seite unseres Wesens, d.h. unserer Individualität zugänglich zu bleiben, so dass wir zu unfehlbaren Schlussfolgerungen gelangen, die sich durch den Erfolg als richtig erweisen.

Wollen wir uns von der Begrenztheit unseres Denkenswesens und von unserer Urteilsunfähigkeit befreien, dann ist und bleibt die Verlängerung der Ausatmung das einfachste und wirksamste Mittel. Es mag uns anfangs schwer scheinen und auch schwer fallen, einen Spruch oder das Vaterunser auf eine Ausatmung auszusprechen; wenn wir aber entspannt, gelassen und ergeben immer wieder einen Versuch machen, werden wir schließlich doch für unsere Ausdauer belohnt.

Die völlige Entspannung ist dabei von großem Einfluss. Merken wir irgendwo auch nur die geringste Spannung, so ändern wir unsere Stellung sogleich ein wenig. Selbst eine ganz geringfügige Änderung kann dazu führen, dass wir die Ausatmung leicht verlängern können.

Je mehr wir mit dem Gedanken bei den Übungen sind, umso eher werden wir uns auch der unterschiedlichen Wirkungen bewusst, die wir durch unterschiedlichen Rhythmus erzielen können, besonders wenn wir den Atem mit der Tonleiter in Verbindung bringen und Lieder auf den Atem singen. Jede verlängerte Ausatmung wird uns neue und erstaunliche Wirkungen offenbaren und uns noch unbekannte Schätze und Kräfte erschließen.

Das Ausatmen mag uns spirituell und intellektuell nicht weiter entwickeln; aber es richtet uns körperlich immer wieder auf, so dass wir mit Leichtigkeit verrichten, was in den Bereich der Materie gehört. Darauf können wir die Erweiterung der spirituellen und der intellektuellen Seite unseres Wesens mit Erfolg aufbauen.

Mit der folgenden Ausatmungsübung, die seit uralten Zeiten auch Yima-Übung genannt wird, können wir leicht die guten Wirkungen der Ausatmung an uns selbst erfahren.


 zur Startseite